Tumblelog by Soup.io
Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.
18:27

Gerichtsberichte

Im Rahmen meiner anhaltenden Berufsfindungsphase habe ich mich vor einigen Wochen für einen Workshop an meiner Uni angemeldet: Journalistisches Schreiben. Da das Schreiben wohl eine meiner Stärken ist, wollte ich mal herausfinden ob diese Art zu schreiben für mich in Frage kommt, denn bisher habe ich ja eigentlich entweder hochwissenschaftlich oder unterhaltsam-blogmäßig geschrieben. Im Seminar lernte ich dann die Vielfältigkeit des Journalismus kennen; es gibt solche und solche Arten von Artikeln und alle haben einen unterschiedlichen Zweck. Um das Seminar ein wenig spannender zu gestalten, sind wir am zweiten Tag ins Amts- und Landgericht Düsseldorf gefahren und haben uns dort einige Fälle angeschaut. Anschließend sollten wir darüber einen simplen Bericht schreiben, sowie uns auch eine These für ein Magazinfeature ausdenken. Hier ist nun mein Bericht dieses Erlebnisses:

Diebstahl frisch aus dem Knast
Eine Drogensüchtige wurde heute erneut wegen Diebstahl zu einer Haftstrafe verurteilt. Die 27-jährige Frau H. entwendete Anfang des Jahres Waren im Wert von knapp über 100 Euro aus einem Großmarkt in Düsseldorf, wofür sie aufgrund ihrer kriminellen Vorgeschichte zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt wurde.

Frau H. und ein Komplize begangen die Tat mit der Absicht die gestohlenen Artikel weiterzuverkaufen, da es sich um nicht handelsübliche Mengen Kosmetika handelte. Mit diesem Weiterverkauf beabsichtigte Frau H. ihre Drogensucht zu finanzieren. Sie handelte hier aus einer persönlichen Notsituation, da sie 2 Tage zuvor unerwartet und plötzlich aus dem Gefängnis entlassen wurde, wo sie eine Haftstrafe für eine zuvor begangene Tat absaß. Im Gefängnis hatte sie ihre Heroinsucht durch ein Ersatzdrogenprogramm unter Kontrolle. Die plötzliche Entlassung an einem Freitag ließ sie jedoch ohne Geld und Krankenversicherung vor dem Wochenende stehen, wodurch sie letztendlich rückfällig wurde und durch den Verkauf der gestohlenen Waren Drogen finanzieren wollte.

Frau H. ist seit dem 14. Lebensjahr drogensüchtig. Zunächst hatte sie Kontakt mit Cannibis, anschließend wurde sie durch einen damaligen Freund auch heroinabhängig. Daraufhin geriet ihr Leben außer Kontrolle, sie hat keine Ausbildung verfolgt und wurde bereits mit 16 zum ersten Mal schwanger, worauf im Laufe der Jahre 3 weitere Schwangerschaften folgten.

Durch ihre Sucht hat Frau H. zudem in der Vergangenheit bereits viele Straftaten begangen, darunter Diebstahl, Körperverletzung, Erpressung, Sachbeschädigung, Betrug und Leistungserschleichung. Sie wurde bereits von drei ostwestfälischen Gerichten zu Strafen verurteilt, sowie zuletzt in Düsseldorf zu der Haft deren Ende zum erneutem Diebstahl führte.

Durch Frau H.’s kriminelle Vergangenheit beantragte die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von 13 Monaten. Sie wurde letzendlich zu 7 Monaten verurteilt, da Frau H. sich im Verfahren einsichtig zeigte und ihr Leben ändern möchte.

Dieser nüchterne Berichtsstil ist natürlich absichtlich rein informativ geschrieben. Das Erlebnis solch eine Verhandlung zu beobachten bot aber noch wesentlich mehr Denkstoff für weitere Artikel und Geschichten. Selten ist man als Normalbürger wie ich so nah an solchen Fällen dran. Natürlich habe ich mir Gedanken darüber gemacht wie man solchen entgleisten Leuten helfen könnte, die aus dem Teufelskreis der Drogensucht und Kriminalität nicht herauskommen. Deutschland sollte mehr Therapieplätze für Drogensüchtige schaffen, sowie vielleicht ein Ausbildungsprogramm welches solchen Leuten die in Haft sitzen oder auf Bewährung sind die Möglichkeit gibt eine vernüftige Schul- oder Berufsbildung zu erlangen, womit ihnen die Resozialisierung besser gelingen könnte. Aber wohl noch wichtiger: Prävention im kritischen Alter. Hier ist nun mein angerissener Magazinartikel (Aufgabe war es lediglich Einstieg und Portal zu schreiben, also ein Übergang von einem Beispiel zu einem breiten Thema):

Mehr Bildung, weniger Drogen?
Die junge Frau ließ sich nichts anmerken als sie den Gerichtssaal betrat. Sie kannte das Prozedere bereits, denn sie saß nicht zum ersten Mal auf der Anklagebank. Sie ist erst 27 Jahre alt, hat aber schon in Verbindung mit ihrer Drogensucht eine lange Liste an Straftaten begangen. Als die Richterin die Angeklagte nach ihrer persönlichen Vergangenheit fragt, berichtet sie dass sie bereits im Alter von 14 Jahren abhängig wurde. Eine Ausbildung hat sie nicht. Als sie weiterhin auf Nachfragen der Richterin erwähnt dass sie 4 Kinder hat, welche in Pflegefamilien leben, geht ein kleiner Schock durch den Saal.

Geschichten wie die dieser jungen Frau sind kein Einzelfall. Im jugendlichen Leichtsinn kommen viele 14- bis 16-jährige in Kontakt mit Drogen und können schnell abhängig werden, da sie sich nicht über die gravierenden Folgen bewusst sind. Durch die Drogensucht sind sie nicht in der Lage einen Schulabschluss oder eine Ausbildung zu absolvieren, wodurch sie wiederum nicht die Möglichkeit haben Geld zu verdienen und kriminell werden. Wie in diesem Fall ensteht hier ein Kreislauf aus Drogen und Straftaten: grade als sie entlassen wurde, konnte die junge Frau ihre Drogensucht nicht finanzieren und begang Diebstahl mit der Absicht des Weiterverkaufs.

Um Geschichten wie diese zu verhindern müssen Schulen den Jugendlichen klarmachen wohin ein Leben in der Drogensucht führen kann: in die Armut, in den Knast, gar in den Tot. Statt Wirkstoffe und Effekte durchzunehmen, sollten Lehrer von Fällen wie diesem berichten, die klar illustrieren dass insbesondere Heroin sofort in einen tiefen Abgrund führt.

Ganz zufrieden bin ich damit auch nicht, aber so einen Artikel könnte man natürlich unendlich weiterführen. Obwohl die Verhandlung nur eine halbe Stunde ging, hat sie mich sehr nachdenklich gestimmt. Wie man im Magazintext herauslesen kann war ich etwas schockiert über den Zustand dieser jungen Frau, die mir dort im kleinem Gerichtssaal gegenüber saß. Grade mal 27 Jahre alt, ein Großteil davon in Justizvollzugsanstalten verbracht, seit 13 Jahren drogensüchtig, schon 4 Kinder in die Welt gesetzt (die wahrscheinlich Kevin und Chantal heißen), keinen Beruf erlernt, kein Schulabschluss… und wie geht es eigentlich den Kindern? Ich vermute ja nicht das die während der Schwangerhaft nicht auch den Drogen ausgesetzt waren. Man kennt solche Fälle ja nur aus Drogenstatistiken oder sieht solche Menschen auf öffentlichen Plätzen, aber die Geschichten die dahinter stecken kennt man oft nur aus fiktiven Fällen (vielleicht sieht das anders aus wenn man einen Fernseher besitzt und deutsches TV schaut, aber da kann ich nicht mitreden).

Nach diesem Fall haben wir uns dann noch einen weiteren angesehen, der allerdings weniger spannend war; ein Rumäne Mitte 40 hatte ein Fahrrad gestohlen. Er hatte die Tat wohl schon länger geplant, da er mit einem Bolzenschneider bestens ausgerüstet war. Sein altes Fahrrad fiel wohl langsam auseinander, deshalb war es Zeit für ein Neues. Leider hat er unglücklicherweise ein Fahrrad im Wert von 1600 Euro erwischt und wurde direkt von der Polizei bei der Tat festgenommen. Er war im Verfahren geständig und einsichtig dass das eine doofe Idee war und wurde letztendlich nur zu einer Geldstrafe verurteilt.

Was mich auch sehr an dieser Gesamterfahrung beeindruckt hat war die Richterin. Sie ist seit 2 Jahren im Amt und sehr jung – wahrscheinlich sogar jünger als ich. Sie war während der beiden Fälle bester Laune und scheint trotz der Natur ihres Jobs viel Freude daran zu finden, bzw. ich denke Sie versucht durch ihre lockere und freundliche Art den Angeklagten und Verurteilten die Erfahrung zu erleichtern. Jedenfalls war sie das komplette Gegenteil von dem was man sonst immer im Fernsehen als Klischee aufgetischt bekommt.

Ich jedensfall bin fasziniert von dieser Erfahrung, grade mal eine Stunde in öffentlichen Verhandlungen des Amtsgericht verbracht zu haben. Man erlebt einen Teil seiner Regierung hautnah und es ist etwas ganz anderes als über sowas zu lesen oder so etwas im TV zu sehen. Ich kann jedem empfehlen einfach mal einen Tag oder nur ein paar Stunden bei solchen Verhandlungen zuzusehen, denn dabei merkt man mal dass man doch eigentlich ein ganz gutes Leben hat.

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl